Sexualität – die heimliche Suche nach Vollständigkeit
Sexualität ist weder das Problem noch die Lösung. Sie zeigt uns jedoch sehr deutlich, woran wir noch glauben. Ein Kurs in Wundern gibt auf der Formebene keine Empfehlung für unser Sexualleben. Er schreibt weder Partnerschaft noch Zölibat vor. Er legt keine Häufigkeit fest und bewertet keine sexuelle Orientierung. Seine entscheidende Frage lautet: Welchem Zweck dient Sexualität in deinem Geist?
Auf der Ebene der Wahrheit sind wir reiner Geist.
Gott erschuf keine Körper. Innerhalb unserer gegenwärtigen Wahrnehmung erscheint der Körper dennoch sehr wirklich. Hier kann er zwei Zwecken dienen: Das Ego benutzt ihn, um Trennung zu bestätigen. Der Heilige Geist verwendet ihn zur Kommunikation und Vergebung. Sex ist daher weder heilig noch sündig. Der gewählte Lehrer gibt ihm seine Bedeutung.
Das Ego benutzt Sexualität vor allem für die besondere Beziehung. Ich fühle mich unvollständig und suche einen Menschen, der mir geben soll, was mir angeblich fehlt: Nähe, Begehren, Wert, Sicherheit oder körperliche Befriedigung. Der verborgene Vertrag lautet: „Wenn du mich begehrst, bin ich wertvoll. Wenn du mir deinen Körper gibst, bin ich geliebt. Wenn du mich verlässt, verliere ich mich selbst.“
Das nennen wir Liebe. Doch häufig steckt Angst dahinter. Wir fürchten den Verlust, weil wir den anderen zu unserer Quelle gemacht haben. Sobald er unsere Bedürfnisse nicht mehr erfüllt, erscheinen Enttäuschung, Eifersucht, Wut oder Rückzug. Kenneth Wapnick z.B. bringt es auf einen klaren Punkt: Entscheidend ist weder Sex noch Enthaltsamkeit. Entscheidend ist der Zweck. Das Ego verwendet den Körper, um Mangel, Besonderheit und Schuld zu verstärken. Der Heilige Geist kann dieselbe Beziehung nutzen, um Projektionen aufzudecken und Vergebung zu lehren.
Eine heilige Beziehung muss daher nicht sexlos sein.
Sie ist auch keine spirituell aufgeladene Sexualität. Heilig wird sie durch ihre neue Ausrichtung. Der andere soll mich nicht mehr vervollständigen. Er wird zum Lernpartner, an dem ich meine Forderungen, Ängste und Besitzansprüche erkennen kann. Im frühen Urtext wird Sexualität wesentlich direkter behandelt. Dort werden fehlgeleitete sexuelle Impulse als verzerrte Wunderimpulse bezeichnet. Dahinter liegt ein ursprünglicher Wunsch nach Verbindung. Das Ego verschiebt diesen Wunsch vom Geist auf den Körper und erklärt: „Mit genau diesem Körper muss ich mich vereinigen, um mich vollständig zu fühlen.“
Der Urtext spricht auch über sexuelle Fantasien.
Fantasie versucht, Menschen und Situationen nach den eigenen Bedürfnissen zu kontrollieren. Der andere wird zum Objekt, das eine private Funktion erfüllen soll. Seine Wirklichkeit als Sohn Gottes verschwindet hinter dem Bild, das wir für unsere Befriedigung hergestellt haben. Auch die Verwechslung von Entspannung und Frieden wird dort angesprochen. Ein Orgasmus kann körperliche Spannung lösen. Er kann uns für einen Augenblick aus unseren Gedanken reißen. Doch damit ist die zugrunde liegende Leere nicht geheilt. Der Drang kehrt zurück, weil seine Ursache im Geist bestehen bleibt.
Im Urtext stehen ebenfalls Aussagen, nach denen Sex ausschließlich der Fortpflanzung dienen solle und Homosexualität besonders fehleranfällig sei. Kenneth Wapnick weist diese Aussagen entschieden zurück. Er erklärt, dass die ersten Mitschriften stark von Helens persönlichen Wertvorstellungen und der damaligen psychoanalytischen Denkweise geprägt waren. Diese Passagen widersprechen dem späteren Kursgedanken, nach dem es keine Hierarchie der Illusionen gibt. Das ist wichtig: Der Urtext darf nicht als sexuelles Gesetzbuch benutzt werden. Niemand ist Gott näher, weil er heterosexuell, homosexuell, sexuell aktiv oder enthaltsam lebt. Der äußere Zustand beweist überhaupt nichts über die Wahl im Geist.
Sexualität ist letztendlich eine Erfahrung unter vielen innerhalb des Traums.
Das Ego kann sie verherrlichen oder mit Scham belasten. Beides bindet unsere Aufmerksamkeit an den Körper. Reine Verhaltenskontrolle führt nicht zum Erwachen. Verlangen löst sich auf, wenn der zugrunde liegende Mangelglaube geheilt wird. Dieser Prozess lässt sich nicht durch Zwang beschleunigen.
Auch Zölibat kann dem Ego dienen.
Ein Mensch kann äußerlich enthaltsam leben und innerlich ständig in sexuellen Fantasien beschäftigt sein. Umgekehrt kann ein sexuell aktiver Mensch seine Motive ehrlich anschauen und jede Begegnung dem Heiligen Geist übergeben. Die Frage lautet also nie nur: „Gehe ich ins Bett oder gehe ich nicht ins Bett?“ Die wirkliche Frage lautet: „Welcher Stimme folge ich dabei?“
Besonders deutlich wird das bei Pornografie, Prostitution und zwanghafter Sexualität. Das bietet dem Ego vollständige Kontrolle. Die Körper sind jederzeit verfügbar. Es gibt keine Zurückweisung, keine wirkliche Nähe und keine Verantwortung gegenüber einem realen Menschen. Der andere wird zu einem Bild, das Erregung liefern soll. Danach kehren Leere, Unruhe oder Schuld häufig zurück. Also wird ein neuer Reiz gesucht. Das ist der Kreislauf des Egos: Spannung, Befriedigung, kurze Entlastung, erneuter Mangel.
Sexsucht zeigt sich daher nicht nur an der Häufigkeit. Sie zeigt sich an der verlorenen Freiheit. Du kannst nicht mehr klar wählen. Du brauchst neue oder stärkere Reize. Du führst ein geheimes Doppelleben. Menschen werden austauschbar. Nähe wird vermieden. Der Körper soll erfüllen, was nur die Erinnerung an Gott geben kann. Der Kurs fordert an dieser Stelle keine Scham. Scham bindet uns noch stärker an die Identität des Körpers. Gefordert ist kompromisslose Ehrlichkeit.
Wir dürfen uns fragen:
Was will ich durch diese Erfahrung bekommen?
Welches Gefühl möchte ich damit vermeiden?
Sehe ich einen Menschen oder einen Körper für meine Bedürfnisse?
Suche ich Verbindung oder kurzfristiges Vergessen?
Kann ich Jesus diesen Wunsch vollständig zeigen?
Bin ich bereit, auch das gewünschte Ergebnis aus der Hand zu geben?
Dann können wir sagen: „Jesus, ich gebe dir diesen Impuls ohne Scham und ohne Rechtfertigung. Zeige mir den wirklichen Wunsch darunter. Lass mich diesen Menschen als Gottes Sohn sehen und befreie mich von dem Versuch, ihn für meine Vollständigkeit zu benutzen.“
Die tiefste Aussage des Kurses über Sexualität lautet: Wir suchen im Sex keine Körper. Wir suchen die verlorene Erfahrung vollständiger Verbindung. Der Körper kann diese Verbindung für einen Augenblick symbolisieren. Er kann sie niemals herstellen. Wirkliche Vereinigung findet im Geist statt. Sie beginnt dort, wo wir aufhören, den anderen zu besitzen, zu benutzen oder für unser Glück verantwortlich zu machen.
Sexualität kann den Glauben an Mangel, Körper und Besonderheit verstärken. Sie kann ebenso zum Klassenzimmer werden, in dem Scham, Heimlichkeit, Abhängigkeit und Angst vergeben werden. Der Kurs verlangt keine sexuelle Perfektion. Er verlangt, dass wir aufhören, uns über unsere Motive zu belügen.
Denn unter jedem sexuellen Verlangen liegt derselbe Ruf: „Ich will wieder ganz sein.“ Und die Antwort des Heiligen Geistes lautet: „Der Frieden Gottes ist bereits in dir. Du bist bereits ganz. Kein Körper kann dir geben, was Gott dir niemals genommen hat.“
3 Kommentare
Anfügen möchte ich noch:
Manchmal herrscht die Meinung vor, dieser Dämon sei nicht mehr da, man sei seinen Fangarmen entkommen und Heilung wäre eingetreten. Doch oft schlummert er nur im Verborgenen und wartet auf die Chance seiner Wiederkehr, dann mit ungebremster Macht.
Ich bin deshalb im Laufe meines Lebens immer vorsichtiger geworden mit der Aussage:
damit habe ich kein Problem mehr, das ist überwunden, das ist geheilt.
Es muss nur der richtige Auslöser kommen und plötzlich grinst einen der Dämon wieder an.
Deshalb nochmals vielen Dank, lieber Gottfried, dass du all dem auf den Grund gehst und es benennst.
Lieber Gottfried,
Vielen Dank für deine wahrhaftigen, hilfreichen und so offenen Worte. Danke auch für deinen Mut, dies alles direkt anzusprechen und hoffentlich den einen oder die andere aufzurütteln. Ich kann nur ahnen, was du alles an kritischen Zuschriften bekommst und freue mich, wie gelassen du dies hinnimmst und dich nicht in diese Energien hineinziehen lässt.
Diese ungeheuere Kraft der Sexualität, die, wie du ja auch gesagt hast, hinter sehr viel Zerrstörerischem und Aggressivem als Ursache steht, kann sich nur derjenige oder diejenige vorstellen, die sich offen und ehrlich damit auseinandersetzen und bereit sind, in die Dunkelkammer ihrer Persönlichkeit hinabzusteigen, die dunklen Seiten ans Licht zu bringen und dem Heiligen Geist zu übergeben
Danke für dein Tun,
Danke für dein Sein.
Amen